Ausgabe 1 ⁄ 2010, Beitrag Nr. 4

Ist Übergewicht Kopfsache ?
Das „egoistische“ Gehirn sorgt zuerst für sich selbst und somit für Hungergefühl.

(IME/Frankfurt/M.) Jeder Fünfte in Mitteleuropa leidet am so genannten metabolischen Syndrom mit Übergewicht, Bluthochdruck, erhöhten Blutfettwerten und erhöhter Insulinresistenz bis hin zum Diabetes. Die in der Diskussion stehenden Ursachen sind vielfältig: Ein wesentlicher Faktor ist sicherlich ein Lebensstil mit zu wenig Bewegung und übermäßiger Energiezufuhr. Eine klinische Forschergruppe am Universitätsklinikum Lübeck untersucht derzeit die Rolle des Gehirns bei der Energieverwertung. Ihre These: Das Gehirn reguliert zuerst seine eigene Energieversorgung, es verhält sich „selbstsüchtig“ (selfish brain). Leidet es unter Energiemangel, sorgt es dafür, dass der Körper den Energielieferanten Glukose (Zucker) im Blut direkt zum Gehirn umleitet. Es drosselt die Produktion des Hormons Insulin, damit kein Zucker in die Körperzellen eingeschleust werden kann.

Das Gehirn löst ein Hungergefühl aus, damit wir essen und Energie aufnehmen. Störungen im Regelkreis der Energieumleitung versucht es über vermehrte Nahrungsaufnahme zu kompensieren. Solche Fehlfunktionen können verschiedenartig entstehen, beispielsweise bei Hirnschäden, etwa durch Tumore oder Gendefekte. Doch auch andere Mechanismen können Fehlsteuerungen auslösen. Etwa wenn Kinder regelmäßig den Teller leer essen müssen, obwohl sie satt sind. Und bei Diabetes kann sich die Sättigung verschieben, wenn es wiederholt zu Unterzuckerung kommt. Ferner können verschiedene Stoffe etwa in Medikamenten oder Drogen, ebenso wie bestimmte Virusinfektionen des Gehirns, dem Körper falsche Signale senden und so den Appetit beeinflussen. Das auf diese Weise entstandene Übergewicht setzt einen Teufelskreis im Stoffwechsel in Gang. Nun erforschen die Wissenschaftler, ob es möglich ist, dem Gehirn falsch antrainierte Energiespeichermuster auch wieder abzutrainieren.

Abdruck honorarfrei - IME, Frankfurt/M. als Quellenangabe und Beleg erbeten.

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